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Philippe Karl auf der Hansepferd

 
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chica
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BeitragVerfasst am: Di, 19. Sep 2006 21:32    Titel: Philippe Karl auf der Hansepferd Antworten mit Zitat

Wer an dieser Stelle einen Vortrag frisch aus der Werbetrommel erwartet, wird leider enttäuscht. Im Rahmen der Hansepferd vom 28. April bis 01. Mai 2006 in Hamburg präsentierte Philippe Karl sein Buch auf äußerst charmante Art und Weise: Mit viel Kompetenz, Sachlichkeit, aber auch einer guten Portion Humor widerlegte er Phrasen, die man heute in jedem Dressurunterricht zu hören bekommen. Die folgende Niederschrift seines Vortrages, soll Ihnen einen Eindruck dessen vermitteln, was den Leser in diesem Buch erwartet.

Vortrag Philippe Karl zu seinem Buch „Irrwege der modernen Dressur“ (erschienen im April 2006 bei Cadmos) am 30.04.06 auf der Hansepferd Hamburg:


„Wie Sie wissen, ist die moderne Dressurreiterei immer mehr in die Kritik geraten, insbesondere der Dressur-Turniersport. Es gab zu diesem Thema vor nicht allzu langer Zeit einen Artikel in der St. Georg, der hohe Wellen geschlagen hat. Aufgrund dieses Artikels wurde eine Kommission ins Leben gerufen - eine kompetente Kommission, mit gut ausgewählten Mitgliedern. Aber wie das so oft der Fall ist, hat diese Kommission entschieden, nichts zu entscheiden.

Ich interessiere mich seit über 30 Jahren für die Fragen der Dressurreiterei und bemühe mich um eine Lösung der damit einhergehenden Probleme, denn auch ich versuche, Fehler zu vermeiden. Natürlich erweckt es die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit, solche Exzesse anzuprangern. Allerdings nutzt es nichts, wenn man den Ursachen dieser Exzesse nicht auf den Grund geht und keine wirkliche Alternative anbieten kann. Die grundlegenden Ursachen zu analysieren und etwas anderes vorzuschlagen, nimmt seither einen großen Teil meiner Arbeit in Anspruch und ist das Thema meines neuen Buches.

In diesem Buch untersuche ich die Grundprinzipien, die die Dressur beherrschen. Ich versuche jedoch, sie nicht durch neue Dogmen zu widerlegen, weil man von vorneherein weiß, was dabei herauskommt... Sondern mit Hilfe des einzigen Reitmeisters, der wirklich nicht widerlegt werden kann.
Und wer ist das? Das Pferd! Das Pferd ist der beste aller Richter. Ich untersuche also diese Grundprinzipien der Dressur im Licht ganz einfacher Grundgegebenheiten aus Anatomie, Physiologie, der Bewegungslehre und der Verhaltensforschung. Und dabei stellte sich im Lauf der Analyse oft heraus, dass diese Grundprinzipien häufig Dogmen sind, die der Natur des Pferdes widersprechen.

Wenn man solch eine Untersuchung durchführt, wird es einfacher, diese Irrwege und Exzesse zu erklären, die man überall sieht. Daraus kann dann letztlich auch eine Alternative abgeleitet werden. Diese Alternative mag zwar zunächst etwas seltsam anmuten, es stellte sich jedoch witzigerweise heraus, dass man sie bei La Guérinière oder Baucher wiederfindet. Man kommt eben zu der Schlussfolgerung, dass man viel und sinnvoll hinterfragen sollte.


Wenn Sie Fragen haben, ist es jetzt Zeit, sie zu stellen.

Frage aus dem Publikum: „Orientieren Sie sich an einem Reitmeister ganz besonders?“

Wenn Sie die Reiterei für 35 Jahre wirklich tiefgründig studieren, wenn Sie viele Pferde reiten und selber ausbilden und zwar jeder Art - nicht nur einen bestimmten Typ Pferd - in allen reiterlichen Disziplinen, lesen Sie alle Meister und stehen ihr ganzes Leben lang unter dem Einfluss der unterschiedlichsten Leute. Und wenn Sie dann auch noch ihr eigenes Hirn einschalten (was nicht verboten ist, auch nicht in der Reiterei) dann kommen Sie schließlich auf eine Linie, die immer klarer wird.

Wenn ich sagen müsste, für wen ich mich besonders interessiert habe, was die Literatur der alten Meister angeht, sind das sicherlich Pluvinel, La Guèrinière, Baucher und auch General L'Hotte. Ich habe auch Nuno Oliveira gekannt und wie sie wissen war ich 13 Jahre lang im Cadre Noir in Saumur und dort traf ich zwei oder drei wirklich interessante Persönlichkeiten. So wie zum Beispiel General Duron und Colonel de Beauregard - Persönlichkeiten, die die Reiterei dort sehr geprägt haben.

Bevor ich professionell mit der Reiterei begonnen habe, studierte ich neben Medizin auch Pferdezucht und Haltung. Und schon damals hab ich immer versucht eine eindeutige Erklärung zu jedem reiterlichen Grundprinzip zu finden. Ich machte es zu meiner Obsession, den Leuten verständlich zu machen, warum sie was tun.
Wir könnten hier ein Beispiel eines so heiligen Grundprinzips hernehmen, dass man eigentlich nicht anfassen darf. Wir könnten es analysieren und sehen, was dahinter steckt. Am ersten Messetag haben wir uns eins rausgesucht, am zweiten Tag haben wir uns eines rausgesucht und das tun wir nun am dritten Tag auch.

Wer stellt die Frage ‚Wir hätten gerne ein Beispiel?’

Zuruf aus dem Publikum „Wir hätten gerne ein Beispiel!“

Dankeschön. (Gelächter)

Das Pferd, das korrekt arbeitet, biegt sich entsprechend der Linie, auf der es sich bewegt. (Zeichnet) Das ist die Definition des korrekt gebogenen Pferdes. Je mehr sich die Ausbildung des Pferdes verbessert, je mehr es sich versammeln kann, desto engere Wendungen kann das Pferd beschreiben. Es kann sich umso mehr biegen und der klein gebogenen Linie anpassen. Diese Aussage ist einer der Grundpfeiler der konventionellen Reiterei. Das lernten wir alle – ich selbst auch – und wiederholten das immer und immer wieder. Es ist zwar etwas verwunderlich, aber ich lernte, dass die innere Hand das Pferd biegt und die äußere Hand das Pferd kontrolliert. Eine weitere Aussage: Biegen sie das Pferd im Hals nur so stark, wie es seiner gesamten Wirbelsäulenbiegung entspricht. Und aus vollstem Herzen wiederholen wir: (predigt) Der Reiter soll den Hals nicht zu stark biegen, er soll sich hauptsächlich darauf konzentrieren, den Körper um das innere Bein zu biegen. Amen! (Gelächter)

Und jetzt hören Sie bitte auf die beste aller Religionen: Das Pferd will uns dazu etwas sagen. (Zeichnet) Die Wirbelsäule – angefangen vom Kopf über den Widerrist, der bereits zur Brustwirbelsäulegehört, bis hin zur Lendenwirbelsäule. Dann hätten wir noch das Becken mit dem Kreuzbein und schließlich den Schweif, der auch noch zur Wirbelsäule gehört. Das ist simple Anatomie.

Den vorderen Teil (Hals) können sie biegen wie sie wollen, nach links und nach rechts. Aber (mit einem breiten Grinsen) nicht zu stark! Dieser Teil hier hinten (zeichnet mit schwungvollen Linien in alle Richtungen den Schweif) kann sich in jede Richtung biegen. Das ist exzellent, um lästige Fliegen loszuwerden. Aber dieser Teil hier – der Widerrist – kann sich nicht biegen. Er kann sich etwas aufwölben, aber eine Seitwärtsbiegung ist praktisch unmöglich. Die Wirbel im Kreuzbein sind zusammen gewachsen, das heißt auch hier ist keine Biegung möglich. Die ersten Lendenwirbel, die mit dem Kreuzbein verbunden sind, würden bei einer seitlichen Biegung am Becken anstoßen. Auch hier ist kaum Biegung zu erwarten. Die restlichen Lendenwirbel können sich nur minimal biegen, der Rest der Wirbelsäule im Rücken dagegen etwas mehr, aber auch nur begrenzt. Die Rückenwirbel können zwar gleichzeitig ein wenig rotieren, lassen aber nur wenig Seitwärtsbiegung zu.

Wenn Sie sich ein bisschen mit der Bewegungslehre beschäftigen – dazu braucht es nicht viel Zeit – werden Sie sehen: Sobald sich ein Pferd bewegt, schwingt der Rücken konstant von rechts nach links. Der Motor der Bewegung ist also quasi das seitliche Hin- und Herschwingen der Wirbelsäule – selbst, wenn die Schwingung nur begrenzt ist. Gehen Sie einmal von sich selbst aus, wenn Sie Rückenschmerzen haben. Sie können kaum gehen. Um es stark vereinfacht darzustellen: Im Galopp hat die Schwingung des Rückens etwas von einem Delphin und bewegt sich senkrecht auf und ab, im Schritt und Trab ähnelt es der seitlichen Schwingung eines Fisches. Sobald sich das Pferd also bewegt, kann es die Wirbelsäule nicht konstant in eine Richtung gebogen halten. Sie können es also gar nicht konstant um ihr inneres Bein biegen, egal was Sie anstellen.

Wenn Sie das Pferd im richtigen Augenblick wie ein Standbild anhalten, dann können sie eine ganz kleine Biegung der Wirbelsäule um ihr inneres Bein sehen, aber sobald Sie das Pferd wieder in Bewegung setzen, sind die Schwingungen in beide Richtungen wieder da. Sie können nicht auf dem Zirkel traben und erwarten, dass der Bauch des Pferdes nur innen bleibt. Er wird sich immer hin und her bewegen. Dass das Pferd um das innere Bein gebogen ist, ist ein Eindruck, den Sie erhalten, wenn das Pferd nicht mit der Hinterhand ausfällt und im Hals gebogen ist. Aber das ist lediglich ein Gefühl des Reiters, nicht die Realität!

Noch eine andere Aussage: Das Pferd ist im Stande, immer engere Wendungen zu gehen, je mehr man es versammelt. Punkt 1: Wie wir gerade gesehen haben, ist das nicht möglich. Punkt 2: Wenn sich ein Pferd versammelt, wird es dann kürzer oder länger? (Murmeln aus dem Publikum) Kürzer. Genau. Wenn etwas kürzer wird, ist es dann mehr oder weniger flexibel? (P. K. lacht, die Antwort erübrigt sich)

Man sagt, der kleinste Zirkel hat einen Durchmesser von sechs Metern. Warum sechs und nicht fünfeinhalb oder fünf? Ich sage Ihnen, dass sie mit einem jungen, sagen wir 4jährigem Pferd, einen Viermeter-Zirkel reiten könnten, indem Sie den Hals im gestreckten – nicht aufgerollt! - Zustand stark biegen. Der Rücken biegt sich nicht, zumindest bleibt er nicht in eine Richtung gebogen. Das Pferd kann solch enge Wendungen durchaus ausführen, so lange die Hinterhand nicht ausfällt oder nach innen drängt.

Die praktische Schlussfolgerung daraus: Legen Sie Ihr inneres Bein an den Gurt, das äußere etwas dahinter, wenn Sie wollen. Das ist Ihr Code, den Sie benutzen. Für Ihr Pferd gibt es kein inneres oder äußeres Bein. Das müssen Sie ihm erst beibringen. Langweilen Sie ein junges Pferd nicht damit, es um den inneren Schenkel biegen zu wollen, wenn es das Schulterherein noch nicht gelernt hat. So lange es das Schulterherein nicht gelernt hat, kennt es die Bedeutung des inneren Schenkels am Gurt nicht. So lange es das Travers nicht gelernt hat, kennt es die Bedeutung des etwas zurückgelegten äußeren Schenkels nicht.

Was also können Sie mit ihren kleinen Beinchen wirklich erreichen? Sie können damit die Hinterhand hinter der Vorhand halten. Punkt. Nichts anderes - aber das ist schon viel! Drängt das Pferd mit der Hinterhand nach innen, sagen Sie mit Ihrem inneren Bein „Stopp“. Wenn die Hinterhand ausfällt, sagen Sie mit Ihrem äußeren Bein „Stopp“. Warum sollen wir also – insbesondere junge – Pferde ständig mit dem „inneren“ und „äußeren“ Bein bzw. Sporn traktieren, wenn es das einfach nicht tun kann?

Das Ergebnis: Anstatt das Pferd korrekt im Hals zu biegen, setzen Sie viel Schenkel ein, um es im Rücken zu biegen. Das kann es aber nicht. Reagiert das Pferd sensibel auf den Schenkel, wird es beim Versuch, es mit den Schenkeln zu biegen, schneller vorwärts gehen. Das unterbinden Sie wiederum mit Ihren Händen und sagen ihm: „Nein, nicht schneller.“ Der Schenkel sollte aber niemals dazu benutzt werden, das Pferd vorwärts zu reiten! Lassen Sie das Pferd mit Ihren Beinen in Ruhe. Machen Sie das Pferd im Hals so flexibel wie möglich in beide Richtungen, damit Sie das Pferd so biegen können, wie Sie möchten.

Um einmal kurz auf zwei alte Meister Bezug zu nehmen. Bei La Guèrinière finden Sie nichts darüber, dass der Reiter das Pferd um den inneren Schenkel biegt. Die fixe Idee der Rippenbiegung existiert nicht. Aber auf allen Bildern sehen Sie die Pferde stark im Hals gebogen. 45 Grad Abstellung ist dort völlig normal. Er wäre also in der einfachsten Prüfung nach heutigen Gesichtspunkten schon durchgefallen... Bauchers erste Manier war heftig umstritten, seine zweite ist leider wenig bekannt. Die Lektionen bestehen daraus, dem Pferd beizubringen, im Hals flexibel zu werden. Und Bauchers Grundsatz „Hand ohne Schenkel – Schenkel ohne Hand“ bedeutet nichts anderes, als Hände und Beine – also treibende und verwahrende Hilfen – nur dann gleichzeitig einzusetzen, wenn es wirklich absolut notwendig ist.

Wenn Sie das Pferd mit korrektem Einsatz der Reiterhand ohne zu Ziehen biegen können (was mit einer tiefen Hand nicht möglich ist, aber das ist eine andere Geschichte...), dann lassen Sie das Pferd mit Ihren Schenkeln in Ruhe. Sie brauchen die Schenkel nicht, um es zu biegen. Sie brauchen die Beine, um die Hinterhand zu aktivieren und gerade zu richten und für die Seitengänge. Das ist alles. Verwirren Sie das Pferd nicht, indem Sie den Motor mit dem Lenkrad verwechseln. Setzen Sie Ihre Schenkelhilfen sparsam für wirklich wichtige und wertvolle Dinge ein, wie beispielsweise später in der Versammlung. Wenn Sie das Pferd vorher schon in den einfachsten Lektionen mit dem Schenkel traktiert haben, wird es Sie an dem Tag, an dem Sie Piaffieren wollen, fragen: „Was soll denn jetzt der Schenkel?!“ weil er eine völlig andere Bedeutung bekommen hat.

Dies ist eines von vielen Beispielen in meinem neuen Werk. Ich habe versucht, die richtigen Dinge klar darzustellen. Wenn der Reiter die Hilfen klar gibt, ist das Pferd nicht die ganze Zeit damit beschäftigt, die Fehler des Reiters zu kompensieren.

(Schweigt und sieht etwas ratlos ins Publikum) Das ist alles.“ (Gelächter und Schlussapplaus)

Anmerkung: Herr Karl ließ sich auch dann nicht aus dem Konzept bringen, als mitten während des Vortrags ein Jagdtrupp zum Halali blies. Er lachte, wartete bis die Bläser fertig waren und kommentierte den Vorfall mit den Worten: „It’s like rain – when it’s strong it’s not very long“, was ihm einen herzlichen Applaus des Publikums einbrachte.

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LG Ines
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(Noël Pierce Coward)
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